Fernsehen und Verwahrlosung
Von Ulrich Reitz
(Bericht in der Rheinischen Post, Dezember 2004)
Mehr Praxiswissen, mehr Freiheit für Schüler, Eltern und Lehrer, mehr Klarheit über die
Leistungsfähigkeit der Schule, mehr Wettbewerb zwischen den Schulen, so lautet der
politische Auftrag für die Schule von morgen.
Eine andere Antwort auf die neue soziale Frage steht aus. Sie lautet: Erziehung.
Genauer: Medien­Erziehung. Also: Welche Rolle spielt Medienverwahrlosung als
Ursache von Schulversagen und Jugendkriminalität? Dazu hat der renommierte
Kriminologe und frühere niedersächsische Justizminister Christian Pfeiffer (SPD) eine
alarmierende Studie geschrieben.
Die Lage: Die Hälfte der 13- bis 15-Jährigen hat inzwischen einen eigenen Fernseher
im Zimmer. Bei den 16/ 17-Jährigen sind es 70 Prozent. Selbst bei den Sechsjährigen
hat jeder Vierte eine eigene Glotze. Damit erhöht sich deren Fernsehdauer um eine auf
dreieinhalb Stunden. Diese Kinder verbringen mehr Zeit vor dem Fernseher als im
Schulunterricht. (bei xy Tagen schulfrei im Jahr). Vor allem Jungen (mehr als die
Hälfte) gucken, was sie spannend finden; und das läuft nicht nachmittags bei Arte oder
3sat, sondern nachts auf RTL2 oder Pro 7, jenen Kanälen, die deshalb der
Politikwissenschaftler Paul Norte „Unterschicht-Fernsehen" nennt. Hinzu kommt, dass
zwei Drittel der Jungen regelmäßig Computerspiele nutzen, „die wegen ihres
jugendgefährdenden Inhalts für unter 18-Jährige verboten sind", so Pfeiffer, der
bilanziert: „Mindestens ein Fünftel aller männlichen 12- bis 17-Jährigen ist in einen
Zustand der Medienverwahrlosung geraten."
Die Folgen: Diese Kinder spielen nicht mehr Fußball. Sie lernen nicht mehr, wie man
sich streitet und wieder versöhnt. Sie verarmen sozial. Und sie lernen nicht mehr
richtig, weil der Schulstoff „angesichts der emotionalen Wucht der filmischen Bilder
verblasst". Vor allem Jungen werden schlechter: Noch vor zehn Jahren lagen die
Mädchen bei den Schulabbrechern vorn (52 zu 48), heute sind es die Jungen (64 zu
36). Die Aggressivität, ja Gewaltkriminalität bei Jungen nimmt messbar dramatisch zu.
Die Konsequenzen: Die Schule kann nicht ausbügeln, was Eltern hier falsch machen. Es
mag für manche hart sein, aber: Fernseher haben im Kinderzimmer nichts zu suchen.
Auch sollten Eltern genau fest legen, was die Kinder am Computer treiben dürfen und
was nicht. Eine Erziehung, die nicht Lust macht auf das Leben und stattdessen den
Nachwuchs nur parkt, riskiert die Verwahrlosung der Kinder.
Fernsehen macht dick, dumm und
gewalttätig
Pressebericht September 2005
dpa BONN. Zu viel Fernsehkonsum macht Kinder nach
wissenschaftlichen Studien dick, dumm und gewalttätig und
führt eindeutig zu schlechteren Schulleistungen. Dies berichtet
der Ulmer Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer in einem Artikel
für die Zeitschrift „Forschung & Lehre“, den die Redaktion am Mittwoch in Bonn
veröffentlichte.
Mehr als 50 Studien in mehreren Ländern hätten stets zu demselben Ergebnis geführt:
Die Wahrscheinlichkeit, übergewichtig zu werden und dauerhaft zu bleiben, nehme mit
jeder zusätzlichen Stunde Fernsehkonsums zu ­ mit negativen gesundheitlichen Folgen
wie Diabetes, Bluthochdruck oder Arteriosklerose.
Fernsehkonsum wirke sich nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen auch negativ auf
die geistige Verfassung aus und führe bei Kindern zu schlechten Noten, erläuterte
Spitzer. „Dieser Effekt betrifft alle Fächer, ist nicht mit anderen Faktoren zu erklären
und wirkt sich langfristig auf den erreichten Ausbildungsgrad aus.“ Kinder mit
durchschnittlicher Intelligenz würden am stärksten negativ durch ihr Fernsehverhalten
beeinflusst.
Ein Durchschnittsschüler in den USA habe nach zwölf Schuljahren nur 13 000 Stunden
in der Schule verbracht, hingegen 25 000 vor dem Fernseher. In dieser Zeit habe er 32
000 Morde, 40 000 versuchte Morde und 200 000 Gewalttaten gesehen. Dass
Fernsehen schließlich auch gewalttätig mache, führt Spitzer auf eine einfache Botschaft
zahlreicher Fernsehsendungen zurück: „Gewalt gibt es häufig in der Welt, sie löst
Probleme und hierzu gibt es keine Alternative, sie tut nicht weh, und der Gewalttäter
kommt ungeschoren davon.“
Der Hirnforscher plädierte dafür, künftig eine Art Ökosteuer auf die Produktion
gewalthaltiger Programme einzuführen. „Die vermüllten Landschaften in den Köpfen
der Jugendlichen sind ähnlich zu behandeln wie der qualmende Schornstein.“
Buchtipp: 
Manfred Spitzer
Vorsicht Bildschirm!
Erschienen: Januar 2005 bei Klett
EUR 16,95
Machen Videospiele gewalttätig? Macht Fernsehen dick? Fördert
das Internet die geistige Entwicklung -- oder schadet es ihr? Über
die Auswirkungen des Bildschirm-Konsums wird seit Jahren heftig
diskutiert, und je nach Kenntnisstand und (wirtschaftlichem)
Interesse fallen die Antworten sehr unterschiedlich aus. Jetzt gibt
es endlich ein Buch, das die wissenschaftlichen Studien rund ums Thema
zusammenfasst. Manfred Spitzer, leitender ärztlicher Direktor der psychiatrischen
Universitätsklinik in Ulm und Leiter des Transferzentrums für Neurowissenschaften und
Lernen, kommt bei der Auswertung des aktuellen wissenschaftlichen Kenntnisstandes
zu einem alarmierenden Ergebnis. Und er fordert drastische Maßnahmen. Sofort.