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| "Thema des Tages" am
21.11.2002 - Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion Von Petra Kappe Bonn. Kinder in Deutschland leiden zunehmend unter seelischen Störungen. In den Grundschulen ist nach Schätzungen des Bonner Kinder- und Jugendpsychiaters Dr. Michael Winterhoff heute jedes zweite Kind auffällig. Die Ursachen der Entwicklung, die Winterhoff als dramatisch beschreibt, sind vielfältig und miteinander verquickt, die Folgen fatal. "Die Kinder werden in ihrem Entwicklungsstand immer jünger", meint der Experte. Ob sie nun sechs, zehn oder zwölf Jahre alt sind: ihre seelisches "Alter" entspricht oft dem eines Kleinkindes. "Zugespitzt", so Winterhoff, heißt das: "In der Schule sitzen immer mehr Zwei- und Vierjährige." Im "schlimmsten Fall" seien die Kinder überhaupt nicht bindungsfähig, nicht zu steuern, nicht zu stoppen. "Alle pädagogischen Konzepte setzen aber Bindungsfähigkeit voraus", sagt Winterhoff. Folglich gingen viele Reformansätze im Bildungsbereich in die falsche Richtung. "Die Tiefe stimmt nicht", so sein Urteil zu Computer- oder Englisch-Unterricht in Grundschulen und - allgemeiner - zu dem sich ausbreitenden "Lustprinzip". In offenen Gruppen könnten schon im Kindergarten die Kinder entscheiden, was sie machen. In der Grundschule setze sich das mit zunehmender Freiarbeit fort. "Die Kinder sitzen an Gruppentischen, ihr Gegenüber ist nicht die Lehrerin, sondern ein Kindergesicht", beschreibt Winterhoff seine Eindrücke. "Mobilés, Poster und die unvermeidliche Kuschelecke sorgen zusätzlich für Ablenkung."
Die Annahme, Kinder könnten so besser lernen, kritisiert Winterhoff ebenso wie einen Erziehungsstil, der zu sehr auf Harmonie bedacht sei und den Kindern zu viele Entscheidungen überlasse. Die "undankbare" Erziehungsaufgabe werde abgetreten. "Der Logopäde für die Sprache, der Ergotherapeut für die Bewegung, Lehrer für die Erziehung und der Psychotherapeut - alles wird delegiert, die Eltern wollen nur noch geliebt werden." Winterhoff hält das für ein Phänomen, das auch Lehrer erfasst. "Sie wollen sich nicht unbeliebt machen", beobachtet er eine Haltung der Erwachsenen, die er in gesellschaftlichen Veränderungen begründet sieht: im technischen Fortschritt, in der Schnelllebigkeit, der die menschliche Psyche nicht gewachsen sei. "Es ist schwer, heute noch Anerkennung zu finden", wie früher, etwa in Großfamilien. Das so entstehende "Vakuum" werde unbewusst den Kindern angetragen. Winterhoff: "Die Eltern suchen Anerkennung im Kind. Sie wollen geliebt werden." So begeben sie sich selbst in die Position eines Kindes, die Kinder geraten in die Rolle von Ersatzeltern. Klassische Erziehung findet nicht mehr statt. "Unbewusst projizieren Eltern eigene Bedürfnisse ins Kind, sie denken und fühlen für ihr Kind." Im übertragenen Sinn: Sie gehen für ihr Kind zur Schule. "Wenn das Kind eine Sechs schreibt, beschweren sich die Eltern beim Lehrer, weil sie meinen, sie selbst hätten versagt." Eltern himmeln ihr Kind an und werden beschimpft Als Folge betrachtet Winterhoff auch die zunehmende Missachtung. Von bindungslosen Kindern, die "mit nichts einen Vertrag haben", müssen Eltern sich schlimmste Beschimpfungen anhören. Aber: Eltern, die ihr Kind anhimmeln, "checken nicht einmal, dass sie missachtet werden", sondern "bringen immer wieder Erklärungen und Begründungen" für das Verhalten ihres Kindes. "Leider vergessen sie darüber, auf die Missachtung zu reagieren." Winterhoff, der seit 15 Jahren eine eigene Praxis betreibt, registriert Veränderungen im Elternverhalten. Vor zehn Jahren hätten Eltern geklagt: Das Kind lügt, klaut oder es hört nicht. Dann habe es eine Welle von Eltern gegeben, "die hatten die Diagnose schon fertig, wenn sie in die Praxis kamen". Und heute kommen Eltern zu ihm, "die sehen das wahre Problem gar nicht, die erachten es als normal, dass das Kind nicht hört". Für die Kinder hat das Folgen. Es bestehe die Gefahr der Fehlentwicklung in Richtung Kriminalität, Drogenkonsum oder "Frührentnertum". Menschen also, die sich jeglicher Tätigkeit entziehen, die gewaltbereit und "korrekturrestistent" sind. Angesichts der dramatischen Zunahme solcher Fälle warnt Winterhoff: "Wir verlieren einen großen Teil einer ganzen Generation."
"Dann hat die Psyche
Löcher" In den ersten zwölf Lebensmonaten, so erklärt Dr. Michael Winterhoff, ist das Kind auf eine "emotional begleitende Sofortbefriedigung" seiner Bedürfnisse angewiesen. In einem positiven Abschluss dieser Phase erfährt das Kind zu warten, das heißt, eine "Frustration" auszuhalten - mit dem zunehmenden Vertrauen auf eine "mittelfristige" Befriedigung. Die nächste Phase beginnt. Jeder Phase liege ein anderes Denken zu Grunde. Die Unterscheidung zwischen sich und dem Gegenüber, also Eigen- und Fremdwahrnehmung, sei erst nach erfolgreichem Abschluss aller durchlaufenen Phasen im Kleinkindesalter möglich. Seit zehn Jahren beobachtet der Bonner Kinder- und Jugendpsychiater den Trend, dass diese Phasen nicht mehr abgeschlossen werden. Zunehmend werden Sechsjährige eingeschult, deren psychische Entwicklung nicht über die eines Zweijährigen hinausgeht. Eine Ursache sieht Winterhoff in der "verkopften" Erziehung. Eltern gingen nicht mehr intuitiv entwicklungsgemäß mit ihren Kindern um, sondern ließen sich vom Verstand leiten, von dem Bemühen um Partnerschaft - schon bei Zweijährigen. Die Folge: Kinder zum Beispiel, denen nicht gefühlsbestimmt auch mit Affekt begegnet werde, können die anale Phase nicht abschließen. Sie sind damit "in der Lage, sich bei Leistungsanforderungen erheblich zu verweigern und wirken dabei oft nach außen sehr bemüht und eher überfordert". Eine "Schul-Odyssee" mit häufigen Wechseln bis hin zur Beschulung auf einer Sonderschule könne dann "trotz guter Intelligenz" die Folge sein. Bleibe die Ablösung der oralen Phase aus, weil etwa die Mutter ihr Kind nicht auch mal warten lässt, wachse die Gefahr der Entwicklung einer Sucht oder Essstörung. "Da haben wir inzwischen ein hohes Potenzial", sagt Winterhoff. Und er weist auf ein weiteres
Problem hin: Viele psychischen Funktionen - das sind zum Beispiel Frustrationstoleranz,
Akzeptanz von Fremdbestimmung, Zurückstellen von Primärbedürfnissen wie Hunger, Lust,
Gewissensinstanz, soziale Kompetenz - werden nicht vererbt, sie entstehen nicht
automatisch oder vernunftgesteuert, sondern müssen von klein an aufgebaut werden. Wenn
das unterbleibt, "dann hat die Psyche Löcher". |